Existential Kink + Warum uns genau das festhält, was wir eigentlich loswerden wollen

Es gibt Muster im Leben, die wir immer wieder erleben: gleiche Beziehungstypen, ähnliche Konflikte, finanzielle Stressspiralen oder innere Zustände, die sich wiederholen, obwohl wir eigentlich etwas anderes wollen.

Oft versuchen wir dann, diese Muster zu „reparieren“, zu vermeiden oder zu analysieren. Wir fragen uns, was falsch läuft und warum wir es nicht endlich ändern.

Der Ansatz des sogenannten Existential Kink geht einen völlig anderen Weg.

Ich habe mich intensiv mit diesem Konzept beschäftigt und auch das Buch dazu gelesen. Ich kann es sehr empfehlen, weil es eine ungewöhnliche, aber sehr ehrliche Perspektive auf unsere inneren Muster eröffnet.


Was bedeutet Existential Kink?

Der Begriff beschreibt die Idee, dass wir unbewusst an genau den Erfahrungen festhalten können, die wir bewusst eigentlich ablehnen.

Das klingt zunächst irritierend: Warum sollte jemand etwas „wollen“, das unangenehm ist?

Die Grundannahme ist jedoch nicht bewusstes Wollen, sondern unbewusste emotionale Belohnung. Bestimmte Situationen erzeugen Gefühle, die uns vertraut sind auch wenn sie nicht angenehm sind.

Das können zum Beispiel sein:

  • emotionale Spannung
  • Drama oder Intensität
  • das Gefühl von Bedeutung durch Stress
  • Kontrolle oder Kontrolle verlieren
  • bekannte Rollen in Beziehungen

Nicht die Situation selbst ist die „Belohnung“, sondern das Gefühl, das sie in uns auslöst.


Warum sich Muster immer wiederholen

Viele Menschen erleben ähnliche Dynamiken in ihrem Leben, zum Beispiel:

  • Beziehungen mit emotionaler Distanz
  • finanzielle Unsicherheit trotz Wunsch nach Stabilität
  • ständiges Funktionieren und Überlastung
  • wiederkehrende Konflikte in ähnlichen Rollen

Statt nur zu fragen „Wie werde ich das los?“, stellt Existential Kink eine unbequemere Frage:

Was bekomme ich emotional in diesem Muster?

Das bedeutet nicht, dass man Probleme verursacht oder bewusst festhält. Es geht vielmehr um unbewusste Bindungen an bestimmte Gefühlszustände.


Ein Beispiel aus Beziehungen

Jemand sagt vielleicht:
„Ich lande immer wieder bei Menschen, die emotional nicht wirklich verfügbar sind.“

Auf den ersten Blick wirkt das wie Pech oder falsche Entscheidungen.

Der Blick hinter die Dynamik könnte jedoch zeigen:
Vielleicht ist nicht nur die Person entscheidend, sondern das Gefühl von Sehnsucht, Spannung oder emotionaler Distanz.

Nicht die Beziehung selbst ist dann „gewollt“, sondern das innere Erleben, das sie erzeugt.


Ein Beispiel aus dem Bereich Geld und Sicherheit

Ein anderes häufiges Muster ist finanzieller Druck:

Man wünscht sich Stabilität, lebt aber trotzdem in wiederkehrender Unsicherheit.

Dabei könnten unbewusste Dynamiken eine Rolle spielen wie:

  • das Gefühl, unter Druck leistungsfähig zu sein
  • Identität über „Kämpfen“ oder „Durchhalten“
  • das Vermeiden von Verantwortung durch Überforderung
  • ein vertrautes Gefühl von Chaos

Auch hier geht es nicht um Schuld, sondern um innere Verknüpfungen zwischen Emotion und Erfahrung.


Was Existential Kink nicht ist

Wichtig ist eine klare Abgrenzung:

Dieser Ansatz bedeutet nicht:

  • dass Menschen ihr Leid selbst verursachen
  • dass Trauma „gewollt“ ist
  • dass Gewalt oder Missbrauch gerechtfertigt werden
  • oder dass strukturelle Probleme ignoriert werden

Es geht ausschließlich um wiederkehrende persönliche Muster in Bereichen, in denen wir Handlungsspielraum haben.


Warum der Begriff „Kink“?

Der Begriff wird bewusst gewählt, weil er auf etwas hinweist, das „aktivierend“ wirkt.

Ein Kink ist etwas, das emotionale oder körperliche Spannung erzeugt, nicht unbedingt im sexuellen Sinne, sondern als innere Erregung oder Lebendigkeit.

Das kann sich zeigen als:

  • Spannung statt Ruhe
  • Intensität statt Neutralität
  • Drama statt Stabilität
  • emotionale Bewegung statt Stillstand

Für manche Menschen fühlt sich genau diese Intensität vertrauter an als Ruhe.


Verbindung zu innerer Arbeit und Schattenanteilen

Der Ansatz erinnert stark an das, was in der psychologischen Arbeit oft als „Schattenarbeit“ bezeichnet wird.

Schattenarbeit bedeutet, verdrängte oder abgelehnte Anteile wahrzunehmen und anzuerkennen.

Existential Kink geht noch einen Schritt weiter und fragt:
Nicht nur Was vermeide ich?, sondern auch Was daran zieht mich emotional an?

Diese Ehrlichkeit kann ungewohnt sein, eröffnet aber oft neue Perspektiven auf eigene Muster.


Sexualität als Spiegel innerer Dynamiken

Besonders deutlich werden solche Muster oft im Bereich von Nähe, Intimität und Sexualität.

Hier zeigen sich häufig Themen wie:

  • Kontrolle und Hingabe
  • Nähe und Distanz
  • gesehen werden oder sich verstecken
  • Macht und Vertrauen

Die Idee ist nicht, alte Verletzungen zu wiederholen, sondern bewusste Räume zu schaffen, in denen bestimmte Dynamiken sicher erlebt und verstanden werden können.


Was ich persönlich daran spannend finde

Ich habe mich intensiv mit diesem Ansatz beschäftigt und auch das Buch gelesen. Für mich ist es keine einfache „Lösung“, sondern eher eine Perspektivverschiebung.

Es hilft dabei, nicht nur im Außen nach Ursachen zu suchen, sondern die eigene innere Beteiligung an wiederkehrenden Mustern ehrlicher zu betrachten.

Ich kann das Buch sehr empfehlen, wenn man bereit ist, sich mit den eigenen unbewussten Dynamiken auseinanderzusetzen ohne sich dabei zu verurteilen.


Fazit

Existential Kink lädt dazu ein, wiederkehrende Lebensmuster nicht nur als Problem zu sehen, sondern als Hinweis auf unbewusste emotionale Bedürfnisse.

Das Ziel ist nicht Selbstkritik, sondern Bewusstheit.

Wenn wir verstehen, was uns innerlich bindet, entsteht die Möglichkeit, neue Entscheidungen zu treffen, nicht aus Kampf gegen uns selbst, sondern aus Klarheit heraus.

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