Wenn ich auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann gab es nicht diesen einen magischen Moment, in dem plötzlich alles klar war.
Keine Stimme vom Himmel.
Kein dramatisches Erwachen.
Keinen Tag, an dem ich aufgewacht bin und wusste: Jetzt bin ich bereit. Jetzt kenne ich meine Berufung. Jetzt weiß ich genau, warum ich hier bin.
Vielmehr war es eine langsame Erinnerung.
Eine Erinnerung, die sich über Jahre hinweg entfaltet hat.
Durch Erfahrungen.
Durch Begegnungen.
Durch Schmerz.
Durch Heilung.
Durch all die Wege, die ich gegangen bin, um immer wieder bei mir selbst anzukommen.
Wenn du mich vor zehn Jahren gefragt hättest, wohin mein Weg führt, hätte ich es dir nicht sagen können.
Ich wusste nur, dass ich mich nach etwas gesehnt habe.
Nach Tiefe.
Nach Wahrheit.
Nach einem Leben, das sich echter anfühlt.
Nach Beziehungen, die tiefer gehen als Oberflächenkontakt.
Nach einer Verbindung zu meinem Körper, meiner Weiblichkeit und meiner Lebendigkeit.
Also begann ich zu suchen.
Und wie viele Menschen auf einem spirituellen Weg begann ich dort, wo die meisten beginnen:
Bei mir selbst.
Ich wollte verstehen.
Heilen.
Wachsen.
Mich entwickeln.
Ich besuchte Workshops, Retreats und Ausbildungen. Ich tauchte ein in Tantra, Bewusstseinsarbeit, Körperarbeit, Spiritualität, Sexualität und persönliche Entwicklung. Ich lernte von Lehrern, Mentoren und Gemeinschaften. Ich stellte Fragen, die weit über das hinausgingen, was mir Schule, Studium oder Gesellschaft jemals beantwortet hatten.
Wer bin ich wirklich?
Was bedeutet es, lebendig zu sein?
Wie fühlt sich echte Verbindung an?
Wie kann ich freier lieben?
Wie kann ich mich selbst tiefer spüren?
Damals glaubte ich noch, dass all diese Suche vor allem mir dienen würde.
Dass ich diese Wege gehe, um mein eigenes Leben zu verändern.
Um glücklicher zu werden.
Heiler.
Freier.
Mehr ich selbst.
Und natürlich war das auch wahr.
Doch heute glaube ich, dass viele Menschen irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem sie erkennen, dass ihre Heilung niemals nur für sie selbst bestimmt war.
Irgendwann verändert sich die Richtung.
Die Reise hört nicht auf.
Aber sie bekommt eine neue Qualität.
Du beginnst zu bemerken, dass Menschen sich dir anvertrauen.
Dass sie Fragen stellen.
Dass sie sich in deiner Nähe öffnen.
Dass sie etwas in dir erkennen, das sie an sich selbst erinnert.
Und langsam dämmert dir:
Vielleicht habe ich all das nicht nur für mich gelernt.
Vielleicht war jede Herausforderung, jede Krise, jede Heilung, jede Erkenntnis auch eine Vorbereitung.
Nicht auf Perfektion.
Sondern auf Dienst.
Dieses Wort hat mich lange irritiert.
Dienst.
Es klang für mich nach Aufopferung.
Nach Selbstlosigkeit.
Nach etwas Religiösem.
Heute verstehe ich es anders.
Für mich bedeutet Dienst nicht, sich selbst zu verlieren.
Dienst bedeutet, das, was durch dich gewachsen ist, nicht für dich zu behalten.
Es bedeutet, die Weisheit, die du verkörpert hast, weiterzugeben.
Es bedeutet, Räume zu öffnen, die du selbst einmal gebraucht hättest.
Es bedeutet, anderen die Hand zu reichen, während sie einen Weg gehen, den du bereits kennst.
Wenn ich heute Tempelräume halte, Frauen begleite oder Menschen in Prozesse von Intimität, Verkörperung und Bewusstheit einlade, dann entsteht das nicht aus Büchern.
Nicht aus Zertifikaten.
Nicht aus Konzepten.
Es entsteht aus dem Leben selbst.
Aus all den Jahren, in denen ich mich verloren habe und wiedergefunden habe.
Aus all den Momenten, in denen ich lernen musste, meinem Körper zuzuhören.
Aus all den Beziehungen, die mich etwas über Liebe gelehrt haben.
Aus all den Räumen, in denen ich selbst Schülerin war.
Und genau hier liegt etwas, das ich bei vielen Menschen beobachte.
Irgendwann wissen sie bereits genug.
Sie haben bereits so viel gelernt.
So viele Ausbildungen gemacht.
So viele Bücher gelesen.
So viele Seminare besucht.
Doch statt den nächsten Schritt zu gehen, sammeln sie weiter.
Noch ein Zertifikat.
Noch eine Methode.
Noch eine Ausbildung.
Noch ein Workshop.
Noch ein Jahr Vorbereitung.
Und ich verstehe das gut.
Denn auch ich kenne diese Stimme.
Diese Stimme, die flüstert:
Noch nicht.
Du musst erst noch mehr lernen.
Du bist noch nicht bereit.
Wer bist du schon, andere zu begleiten?
Es gibt doch Menschen, die viel mehr wissen als du.
Doch irgendwann wurde mir etwas klar:
Diese Stimme verschwindet nicht.
Sie wird nicht plötzlich eines Morgens aufhören zu sprechen.
Denn sie hat gar nichts mit Wissen zu tun.
Sie hat mit Sichtbarkeit zu tun.
Mit Verantwortung.
Mit Verletzlichkeit.
Mit dem Mut, sich zu zeigen.
Denn solange wir Schülerin bleiben, müssen wir uns nicht vollständig zeigen.
Solange wir lernen, können wir uns verstecken.
Hinter Konzepten.
Hinter Zertifikaten.
Hinter der nächsten Ausbildung.
Hinter der Idee, irgendwann bereit zu sein.
Doch Bereitschaft ist selten ein Gefühl.
Bereitschaft ist eine Entscheidung.
Ich kann heute mit voller Ehrlichkeit sagen:
Die meisten Schritte, die mein Leben verändert haben, bin ich gegangen, bevor ich mich bereit gefühlt habe.
Mein erstes Retreat.
Mein erster Frauenkreis.
Mein erster Tempel.
Meine ersten Angebote.
Die Entscheidung, sichtbar zu werden.
Die Entscheidung, Menschen zu begleiten.
Nichts davon geschah in einem Zustand absoluter Sicherheit.
Es geschah trotz Unsicherheit.
Es geschah mit klopfendem Herzen.
Mit Zweifeln.
Mit Ängsten.
Und gleichzeitig mit einem tiefen Wissen:
Wenn ich diesem Ruf nicht folge, verrate ich etwas Wesentliches in mir.
Denn irgendwann wird die Angst vor dem Springen kleiner als der Schmerz des Wartens.
Irgendwann wird das Zurückhalten anstrengender als das Risiko.
Irgendwann wird die Seele lauter als der Verstand.
Und vielleicht befindest du dich gerade genau an diesem Punkt.
Vielleicht spürst du schon lange, dass etwas durch dich in die Welt kommen möchte.
Vielleicht ist da eine Gabe.
Eine Vision.
Ein Raum.
Eine Arbeit.
Eine Form von Begleitung.
Eine Kunst.
Eine Wahrheit.
Vielleicht weißt du noch nicht genau, wie sie aussehen wird.
Das musst du auch nicht.
Die meisten Menschen kennen den gesamten Weg nicht, bevor sie losgehen.
Sie kennen nur den nächsten Schritt.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche spirituelle Praxis.
Nicht immer weiter nach Antworten zu suchen.
Sondern dem Ruf zu vertrauen.
Nicht darauf zu warten, dass alle Zweifel verschwinden.
Sondern ihnen die Hand zu reichen und trotzdem weiterzugehen.
Nicht perfekt zu werden.
Sondern verfügbar zu werden.
Für das Leben.
Für die Menschen.
Für die Gaben, die durch dich fließen wollen.
Wenn ich heute auf meinen Weg schaue, dann bin ich unendlich dankbar für all die Jahre des Suchens.
Für jede Ausbildung.
Jedes Retreat.
Jede Begegnung.
Jede Krise.
Doch noch dankbarer bin ich für die Momente, in denen ich aufgehört habe zu suchen und begonnen habe zu verkörpern.
Denn Wissen verändert wenig.
Verkörperung verändert alles.
Und vielleicht wartet das Leben gerade nicht darauf, dass du noch mehr lernst.
Vielleicht wartet es darauf, dass du beginnst zu teilen, was du längst in dir trägst.
Dass du den Raum hältst, den du selbst einmal gebraucht hättest.
Dass du aufhörst, dich kleiner zu machen als deine Seele bereits geworden ist.
Und dass du erkennst:
Der Weg war nie nur für dich bestimmt.
Er wollte immer durch dich hindurch weiterfließen.


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